Fantasy Filmfest 2006 – Bystanders

DasGloy zum Film: Bystanders (Originaltitel: YU-WOL-UI IL-GI / Südkorea 2005)

…in den Kinobänken kauerten verstreut noch ein paar Gäste, als der Abspann des Filmes lief. Die Luft roch verbraucht und einige aneinandergekauerte Paare starrten verstört und fassungslos mit leerem Blick auf die unleserlichen Schriftzeichen, die an ihnen vorbeizogen. Die übrigen Gäste strömten still und in sich gekehrt dem Ausgang entgegen.
Ich drückte gegen die Tür und ein Schwall kalte frische Luft umwehte meinen Körper. Das Licht blendete mich und es machte sich sofort ein unwohles Gefühl breit. Mein erster Gedanke war: „Uff…den Film muß ich erst mal verarbeiten!“
Die Geschichte ist schnell erzählt. Ein junger Schüler wird mit einem Messer umgebracht. Ein Tag später findet man einen weiteren toten Schüler, der den Freitod gewählt hatte. Das beide Schüler von der gleichen Schule stammen, erscheint zunächst zufällig. Eine Autopsie bringt es jedoch an den Tag, ein Serienkiller treibt sein Unwesen! In den Mägen beider Toten findet man eine Kapsel mit einer Nachricht. Polizistin Chu und ihr Kollege Kim werden auf den Fall angesetzt.

Eine Story perfekt für den amerikanischen Markt! Zwei Tote…ein Serienkiller…die Psyche unter aller Sau…schicke Schockeffekte…extrem konstruiertes überraschendes Ende…Voilá! Fertig ist der Popcorn-Blockbuster. Seit „Hannibal the Cannibal“ haben Irre und Serienkiller Hochkonjunktur in Hollywood. Leider bringt die heutige amerikanische Filmmaschinerie nur selten wirklich gute Psychothriller hervor.
Eins ist klar…
1) Der Mörder taucht immer in den ersten 10 Minuten in einer Nebenrolle auf.
2) Wenn es dunkel wird oder unheimliche Musik ertönt, ist ein „SCHOCKER“ angesagt.
3) Die Psyche des Killers ist so abgedreht, lieber nicht darüber nachdenken.
4) Eine Sexszene ist immer dabei.
5) So richtig Tod ist der Killer nie.

Und wie ist es mit „Bystanders“?
Ich war mit gemischten Gefühlen in den Film gegangen und hoffte, dass es sich nicht um ein Hollywood-Plagiat handelte. Aber…

Amerika, ihr habt endlich „intellektuelle“ Konkurrenz in diesem Genre bekommen, die euch weit in den Schatten stellt! Was das alte Europa seit Jahren redlich versucht, haben die Südkoreaner geschafft.

„Die besten Geschichten schreibt das Leben“ – wem auch immer dieses Zitat gebührt, der Regisseur und Drehbuchautor Kyung-soo folgte diesem weisen Rat. Es ist eine tragische Geschichte des Alltags, die irgendwo auf der Welt spielen könnte. Eine traurige Alltäglichkeit die bei den meisten Zuschauern wahrscheinlich unangenehme Erinnerungen und Betroffenheit weckt. Eingebettet wird die Tragödie durch sauber gezeichnete Charaktere, die dem Zuschauer zunächst klar zeigt, wo er zu stehen hat. Kyung-soo verzichtet hierbei nicht auf die so typisch asiatische Filmtheatralik, versteht es aber sie wohl dosiert auf die einzelnen Hauptfiguren zu verteilen. Das Böse wird durch die Langsamkeit und Traurigkeit und das Gute zunächst durch die Witzigkeit und Coolness vertreten. Doch diese klare Grenze verwischt mit jeder Information den Kyong-soo einem im Verlauf des Films preisgibt. Der Zuschauer gerät, wie die Polizistin Chu, in einen Zwiespalt. Denn nicht die grausamen Morde, sondern das Verständnis und Mitleid mit dem Serienkiller rückt in den Mittelpunkt. Als Krönung des Ganzen schafft es Kyung-soo trotz der klaren Geschichte, ein überraschendes Ende zu präsentieren.

Fazit: Bin ich ein „Bystander“? Wie hätte ich reagiert? Hat der Serienkiller vielleicht richtig gehandelt? Wenn man sich nach dem Film solch eine Frage stellt, ist der Begriff „Psychothriller“ wohl angebracht. Ein Schocker mit Tiefgang den man unbedingt sehen sollte. Wer es mag natürlich.

Ein Gedanke zu „Fantasy Filmfest 2006 – Bystanders

  1. Hallo Uwe,

    noch einmal Willkommen hier im ThoSch:Blog und Danke für Dein erstes Posting hier.

    Wir haben den Film ja zusammen gesehen und Du weißt, dass er mich in gleicher Weise gegeistert und in seinen Bann gezogen hat. Ich kann mich Deinen Worten nur anschließen.

    Ich hoffe, dass ich es schaffe meine Erlebnisse auf den FFF 2006 hier noch zu kommentieren. Schön dass durch Dein Posting der Film Bystanders hier schon vorab gewürdigt wurde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentare abonnieren

Es erfolgt keine Weitergabe von Daten an externe Dienste wie WordPress.com.

eMail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
Auch möglich: Abo ohne Kommentar.