Fever

Nun haben wir schon Anfang August und ich habe mich hier noch nicht zu meinem persönlichen Nachfolgedienst für den eingestellten Google Reader geäußert1. Ende April hatte ich nur kurz auf App.net verkündet, dass ich nun Fever nutze.

Fever ist kein “fertiger” Dienst, wie es Google Reader war oder feedly oder Feedbin sind, sondern es ist eine in php geschriebene Software, die man auf seinem eigenen Web-Space installiert.

Zum Zeitpunkt meiner Entscheidung sprachen für mich die folgenden Gründe für Fever:

  • Fever ist self-hosted — Ich entscheide wann der Sunset2 für diesen Dienst ist und nicht irgendeine Firma3.
  • Fever ist self-hosted — Die Daten liegen auf meinem Web-Space und die Nutzungsdaten können auch nur dort erfasst werden.
  • Fever war im April bereits in einer fertigen Version verfügbar.
  • Mein (damals) favorisierter RSS-Reader Reeder unterstützte in der iPhone-Version bereits diesen Dienst (und die Versionen für iPad und Mac sollten nachziehen4).
  • Fever bietet ein eigenes Web-Front-End.
  • Fever hat ein einfaches und nachvollziehbares Geschäftsmodell: Man zahlt für die Software $30 und muss sich nicht darüber Gedanken machen, wie eine Refinanzieren unter (Aus)Nutzung der Nutzer(daten) erfolgt.
  • Fever ist self-hosted — So rein aus Prinzip; und weil ich versuchen möchte so viele Dienste wie sinnvoll und möglich auf self-hosted Lösungen umzustellen.
  • Ich hatte Lust aufs Experimentieren5

Die Installation war kein Problem. Ich hatte vorab eine neue Datenbank mit eigenem Datenbank-User einrichten lassen6. Anschließend habe ich das Paket installiert und einen Kompatibilitätscheck durchführen lassen. Dieser verlief problemlos. Danach habe ich die Lizenz erworben7. Nach der Eingabe des Lizenz-Keys war Fever einsatzbereit.

Mit Hilfe der von Google heruntergeladenen OPML-Datei konnte ich die dort abonnierten Feeds importieren. Hierbei bestehenden die folgenden Einschränkungen, die auch bei anderen Umzügen auftreten:

  • Bis auf die Ordnerzuordnungen gehen alle Google-spezifischen Attribute verloren.
  • Der Gelesen-Status geht verloren.
  • Es sind nur noch die aktuell im jeweiligen Feed enthaltenen Artikel vorhanden (zumeist 20-30).

Bei Fever heißen die Ordner Gruppen. Feeds dürfen in mehreren Gruppen enthalten sein.

Bereits nach kurzer Zeit habe ich drei Features von Fever sehr zu schätzen gelernt:

  • Speichern von Artikeln
    Während Fever Artikel normalerweise nach längstens 10 Wochen aus der Datenbank löscht, werden gespeicherte Artikel dauerhaft vorgehalten. Diese Artikel werden nicht nur im jeweiligen Feed bzw. den Gruppen, zu denen der Feed gehört, angezeigt, sondern es gibt auch eine besondere Ansicht, in der nur die gespeicherten Artikel aus allen Feeds angezeigt werden.
    Optional stellt Fever auch einen öffentlichen RSS-Feed zur Verfügung, der die 30 letzten gespeicherten Artikel enthält.
    Diese Funktion entspricht somit dem alten Star-Feature des Google Readers.
  • Hot
    Fever wertet in den Artikeln aus, welche URLs verlinkt werden. In der Ansicht Hot sind die URLs aufgeführt, die in mehr als einem Artikel verlinkt sind. Je mehr Verlinkungen eine URL hat, desto hotter ist sie.
  • Sparkle
    In diese Gruppe kann man Feeds einsortieren, die man nicht regelmäßig liest. Die Artikel tauchen nicht in der Ansicht Kindling auf, die alle (ungelesenen) Artikel enthält. Die Artikel werden für die Berechnung von Hot berücksichtigt.

Für mich besteht die Hauptfunktion von Fever, wie auch bereits beim Google Reader, nicht in der Anzeige der Feeds in einem Web-Front-End, sondern im Bereitstellen von Artikeln und derer Metadaten (z.B. Gelesen-Status) für die von mir genutzen Clients (Sync). Das Zusammensammeln der Artikel und deren Bereitstellung durch den Service hat für mich den Vorteil, dass der Abruf durch die Clients schneller geht. Die Clients müssen nicht mit Dutzenden von Servern Kontakt aufnehmen, sondern bekommen die Inhalte aller Feeds von einem Server8.

Das funktioniert dann am Besten, wenn der Server nicht erst beim Abruf durch den Client die Feeds abklappert, sondern dies bereits vorher erledigt hat. Fever hat einen Mechanismus, über den der Refresh von Außen angestoßen werden kann. Dies lässt sich auch mit cron automatisieren. Auf der anderen Seite können die meisten Clients so konfiguriert werden, dass sie beim Abruf keinen Refresh auslösen, sodass die Übertagung schnell erfolgen kann9.

Naturgemäß hat Fever auch Schwächen:

  • Die Entwicklung ruht momentan de facto.
  • …gaaanz…
  • …lange…
  • …nichts…
  • Aufgrund der relativ geringen Verbreitung gibt es nicht so viele Clients, die Fever unterstützen10.
  • Es gibt im Web-Front-End keine Möglichkeit, gelesene Artikel nicht in den Status ungelesen zu versetzen.
  • Fever ist self-hosted — Für mich kein Problem. Dürfte aber 98+% der Nutzer von einem Einsatz abhalten.
  • Fever ist single-user. Normalerweise kein Problem, denn bei jedem Service muss man für mehrere Nutzer mehrere Accounts anlegen (und auch bezahlen). Dennoch wäre es naheliegend, dass man bei einem auf dem eigenen Web-Space laufenden Service weitere Accounts anlegen kann11.

Diese Punkte ändern nichts daran, dass ich zz. mit meiner Wahl sehr zufrieden bin und nicht vorhabe in absehbarer Zeit zu wechseln.

Für Diejenigen, die sich die $30 sparen oder auf freie Software setzen wollen, stehen mit bottle-fever und Coldsweat zwei Clone zur Verfügung. Über deren Qualität kann ich keine Aussage treffen.


  1. Es wird aber auch niemand diese Ausführungen vermisst haben…
  2. Sunset ist in der IT-Branche der freundliche Begriff für die Einstellung eines Dienstes oder das Abschalten eines Servers. Man sprich auch vom Sunsetting.
  3. Natürlich kann es die Situation geben, dass Fever nicht gepflegt wird und es rein technisch nicht mehr lauffähig ist. Dann werde ich natürlich gezwungen sein, es zu sunsetten.
  4. Das mit der schnellen Bereitstellung von angepassten Versionen für iPad uns Mac hat sich dann nicht bewahrheitet. Bis heute (4.8.2013) sind die neuen Versionen, die Fever unterstützen, noch nicht in Sicht. Auf dem Desktop reicht mir das Web-Front-End aus. Auf dem iPad habe ich mittlerweile einige Alternativen ausprobiert und mit Mr. Reader eine sehr gute — wenn nicht sogar bessere — Alternative gefunden.
  5. Da war nicht viel zu experimentieren. Es funktionierte einfach.
  6. Für jeden Web-Service, den ich auf meinem Webspace einsetze, lasse ich eine eigene Datenbank mit eigenem Datenbank-User einrichten. Das hat aus meiner Sicht den Vorteil, dass wenn ein Service gehackt wird, der Angreifer nur Zugriff auf die Daten dieses einen Services hat.
  7. Die Prozess ist sehr gut gemacht. Man muss sich zunächst einen Account klicken, um das Software-Paket runterladen zu können. Nur wenn der Kompatibilitätscheck positiv verläuft, erhält man von der installierten Software einen individuellen Key, der einem ermöglicht eine Lizenz zu kaufen. Mit dem individuellen Lizenz-Key schaltet man dann Fever frei. Durch diesen Ablauf ist ausgeschlossen, dass man eine Lizenz erwirbt, die Software dann aber nicht auf dem eigenen Web-Space lauffähig ist.
  8. Tatsächlich überträgt Fever 50 Artikel pro API-Aufruf.
  9. Ist gehe davon aus, dass Fever die Anfrage des Clients erst nach Durchlauf des eigenen Refreshs beantworten würde. Da erscheint es mir als sinnvoll, dass der Client keinen Refresh auslöst.
  10. Während es für iOS mit Mr. Reader (nur iPad), Ashes, Sunstroke und Reeder (zz. nur iPhone) eine gute Auswahl von Apps gibt, sieht es unter Android nicht so gut aus. Momentan warte ich darauf, dass Press endlich den versprochenen Fever-Support bekommt. Alles Andere, was ich bisher gesehen habe, ist IMHO halbgares Zeug.
  11. Die Fever-Clones bottle-fever und Coldsweat adressieren das Problem der fehlenden Multiuser-Unterstüzung.

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