Auf fremden Gittern

Koordinaten?!?

Koordinaten?!?

Dieser Tage wollten wir ein Teilstück einer Wanderung aus einem schwedischen Wanderführer gehen1. Im Wanderführer finden sich für markante Punkte der Wanderung Koordinaten, die ich in mein GPS-Gerät eingeben wollte, um beim nächsten Versuch den Abzweig zu finden. Als ich obige Zahlenwürmlinge sah, war ich ziemlich ratlos.

Ich beschäftige mich schon lange mit Karten, Georefenzen, GPS-Geräten und entsprechender Software bzw. Webanwendungen2. Bisher bin ich dabei mit zweieinhalb Eingabeformaten für Koordinaten sehr gut ausgekommen.

In der Schule3 habe ich gelernt, dass man Koordinaten in Grad, (Bogen)Minuten und (Bogen)Sekunden (XXX° XX‘ XX’‘) angibt4. Mit der Zeit habe ich noch die Variante5 kennen gelernt, bei der die Angabe der Sekunden als Nachkommastellen in die Minuten rutscht (XXX° XX,XXX’). (Es gibt auch noch die Dezimalschreibweise, bei der Minuten und Sekunden als Nachkommastellen in die Gradangabe eingehen, aber die ist mir noch nicht nennenswert untergekommen.)

Auf neueren topographischen Karten werden die Koordinaten im UTM-Koordinatensystem angegeben6. Das ist das Koordinatensystem, dass ich vom Kopf her bevorzuge7, weil die Koordinaten hier Rechts- und Hochwerte (in Metern) innerhalb der jeweiligen Zone darstellen. Dadurch lassen sich die Koordinaten mit einer Schablone leicht aus oder in eine® Karte übernehmen. Weiterhin läßt sich die Entfernung zwischen zwei Punkten leicht errechnen8.

Aber die obigen Koordinaten passen in keines dieser Schemata.

Auch im Wanderführer fanden sich keinerlei Hinweis auf das verwendete Koordinatensystem. Zunächst dachte ich, dass es sich um zusammengeschriebene Angaben in Grad und Minuten mit Nachkommastellen handelt könnte, aber wir sind hier nicht auf 62° Nord. UTM passt auch nicht.

Beim Spielen in den Einstellungen des GPS-Gerätes fand sich die Einstellung Schwedisches Gitter mit dem Katenbezugsgitter RT 90. Nachdem ich dieses System eingestellt hatte, lagen die neu eingegebenen Punkte genau dort auf der Karte, wo sie hingehören.

Schwedisches Gitter?! WTF! Was für ein antiquiertes System hat die Autorin des Wanderführerers denn verwendet?9

In der deutschsprachigen Wikipedia finden sich keine Informationen über das schwedische Gitter. Nur in der englischsprachigen und – natürlich – der schwedischen Wikipedia finden sich entsprechende Artikel.

Beim schwedischen Gitter bzw. RT 90 handelt es sich – ähnlich wie bei UTM – um ein kartesisches Koordinatensystem, das einen Hochwert und Rechtswert10 von einem Bezugspunkt angibt.

Dieser Fundamentalpunkt liegt bei N 0° (Äquator) und ungefähr E 2° 27′. Die Länge ergibt sich aus der Festlegung des Mittelmeridians auf E 15°48’29.8″ und des false easting auf 1500 km.11 Die siebenstelligen Hoch- und Rechtswerte geben die Entferung in Metern von der jeweiligen Bezugslinie an.

Anders als von mir angenommen, ist RT 90 kein altes, antiquiertes Koordinatensystem. Die 90 in der Bezeichnung nimmt Bezug auf 1990. Zu dieser Zeit ist das System, das das vorherige System RT 38 ersetzt hat, entstanden. Also noch keine 25 Jahre alt.

Dennoch ist es nicht mehr der neueste heiße Scheiß. Es gibt bereits einen Nachfolger.

Seit 2007 erfolgt die Umstellung auf SWEREF 99 bzw. das zugehörige Koordinatensystem SWEREF 99 TM.

Koordinaten in SWEREF 90 TM sehen Koordinaten in RT 90 auf den ersten Blick recht ähnlich. Sie unterscheiden sich optisch dadurch, dass nicht mehr X und Y, sondern N und E vor den Werten stehen, und dass der Rechstwert nur noch sechs Vorkommastellen hat.

Die Werte weichen aber erheblich ab. In den Hochwert hat – wie bei UTM – ein Maßstabsfaktor von 0,9996 Eingang gefunden, das false easting beträgt – ebenfalls wie bei UTM – nur noch 500 km und der Mittelmedian wurde verschoben.

Wenn man Koordinaten aus schwedischen Quellen übernimmt, muss man also nicht nur daran denken, dass die Werte in einem länderspezifischen Koordinatensystem angegeben sind, sondern man muss auch noch je nach Alter und Aktualität12 der Quelle darauf achten, dass man auch noch das richtige erwischt.


  1. Die Route sollte aus westlicher Richtung kommend auf die Straße, auf der wir liefen, stoßen und nach kurzer Strecke in östlicher Richtung in den Wald führen. Wir habe weder die Stelle, noch die andere Stelle gesehen, wobei wir uns auf den Abzweig in den Wald konzentriert haben. Andere Touren aus diesem Wanderführer haben uns gezeigt, dass die Routen gerne mal unmarkiert sind.
  2. Das hat auch seinen Niederschlag hier im Blog gefunden.
  3. Ich glaube zumindest, dass ich das bereits in der Schule gelernt habe. Auf dem Wg zum Abitur war ja eigentlich genug Gelegenheit.
  4. Wie ich gelernt habe, schimpft sich das hexagesimal.
  5. Das ist daher das halbe der zweieinhalb Eingabeformate.
  6. Die Verwendung dieses Formates ist für die Vermessungsverwaltungen n der Bundesrepublik verpflichten, wie ich bei den Recherchen für diesen Artikel aus der Wikipedia gelernt habe.
  7. Tatsächlich benutze ich weiterhin fast ausschließlich die beiden vorgenannten “klassischen” Formate…
  8. Ich sage nur Satz des Pythagoras
  9. Die 90 in RT 90 ließ eigentlich schon auf 1990, also ein relativ aktuelles System schließen.
  10. Man beachte, dass die Reihenfolge von Hoch- und Rechtswert von der bei Landkarten Reihenfolge bei UTM (hier Rechts- und Hochwert) abweicht.
  11. Derartige “willkürlichen” Verschiebungen sind bei länderspezifischen Koordinatensystemen üblich. Der Mittelmeridian wird so gewählt, dass er im Bereich der Mitte der West-Ost-Ausdehnungen des abzubildenden Landes liegt oder durch einen opportunen Ort (z.B. maßgebliche Sternwarte des Landes, politisches Zentrum) läuft. Durch das false easting wird der Nullpunkt so weit nach Westen verschoben, dass westlich des westlichsten Punktes des Landes liegt, sodass die Rechtswerte nur positive Werte haben (vgl. Abbildung im Wikipedia-Artikel Mittelmeridian).
  12. Alter und Aktualität erscheint vielleicht auf den ersten Blick doppeltgemoppelt, aber ich meine mit Aktualität, ob die Quelle schon das neue System verwendet hat. Es gibt vielleicht Quellen aus 2006, die schon SWEREF 99 TM verwenden; es finden sich aber ganz bestimmt auch Quellen aus 2010, die noch RT 90 verwenden. Die Adaption des neuen Systems durch große schwedische Organisationen kann man den Fortschrittsberichten der Lantmäteriet entnehmen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare abonnieren

Es erfolgt keine Weitergabe von Daten an externe Dienste wie WordPress.com.

eMail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
Auch möglich: Abo ohne Kommentar.